Der Unterricht der 1. – 3. Klasse
Haben die frisch gebackenen Erstklässler die Zuckertüten in der Hand, sind sie erwartungsfroh und denken, nun endlich mit dem wirklichen Lernen beginnen zu können! Was sie aber nicht wissen: Eine große Phase des Lernens liegt bereits hinter ihnen! Denn sie haben unter anderem Gehen, Sprechen und in Ansätzen auch das Denken gelernt, und das durch eine der großartigsten Möglichkeiten, durch die Nachahmung! Dieses Lernen durch das Nachvollziehen des Gesehenen, des Erlebten, das Lernen des Aufrichtens am Aufrechten, des Sprechens am Gesprochenen kennzeichnet die erste große Epoche des Lernens im Kindesalter. Und die Zuckertütenkinder haben noch einen kleinen Rest dieser Lernmöglichkeiten, den man sich in den ersten Schuljahren zu Nutze macht. Der Lehrer der kleineren Unterstufenkinder muss derjenige sein, der den Kindern das vormacht, was sie ihm gern nachtun! Die Kinder lernen, weil der Lehrer für sie und mit ihnen die Welt entdeckt! Und sie lernen die Dinge so zu betrachten, wie es ihr Lehrer tut, und sie erleben die Dinge durch die Bilder, die ihnen ihr Lehrer gibt.
So werden die Buchstaben durch Geschichten eingeführt, die möglichst der Lehrer selbst erfunden hat, denn dann wird er zum rechten Autor für die Kinder, dem sie gern Autorität entgegen bringen. Da kann das K vom Königsohn kommen und geht durch viele Stadien des Erlebens, bis es zum schwarz gedruckten Buchstaben wird, das dann der abstrakten Kontur des Denkens entspricht. Aber es ist lebendig gewesen und so kein Fremdes für die Kinder.
Auch im Rechnen wird man sich vieler Rechengeschichten bedienen und nicht sogleich von Subtraktion und Addition sprechen, sondern mit den Kindern gemeinsam arbeiten, sortieren, zählen, neu verteilen. Viele Kinder können zwar zählen, verbinden aber noch kaum Mengen mit den Zahlen. Für sie gilt es, immer wiederkehrende Zahlenerlebnisse zu schaffen, die vielfältigster Natur sein sollten. Da werden Rhythmen geklatscht und die Zahl wird durch das Hören aufgenommen, da werden mit verbunden Augen Murmeln in der Hand gezählt und die Menge wird durch den Tastsinn erfasst, da werden schnell drei Finger der einen und zwei der anderen Hand gezeigt, und durch die Augen kann das Kind die Fünf erfassen.
Aber das Wesentlichste ist, die kleineren Unterstufenkinder wirklich gesund in den Raum zu stellen, ihnen die Orientierung zu geben zwischen oben und unten, rechts und links, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Bild an der Tafel und dem, was sie in ihr Heft eintragen sollen, mit ihnen einen Rhythmus zu erarbeiten, in dem sie im vertrauten Gleichmaß durch den Tag kommen. Hier gibt es in den Waldorfschulen ein Fach, das gemeinhin Formenzeichnen heißt. Diese drei Fächer, das Schreiben, das Rechen und das Formenzeichnen sind die drei wesentlichsten für die untere Unterstufe. Im Folgenden ist stichwortartig beschrieben, was als Ziel für die einzelnen Klassenstufen gelten kann:
Formenzeichnen:
1. Klasse
· krumme und gerade Linie als die Gegensätzlichkeit schlechthin,
· Erüben und Erfühlen des Papierformats, Sehenlernen der Mitte, Orientierung im Raum, rechts/links
· Abnehmenkönnen von der Tafel
2. Klasse
· Oberthema Symmetrie, Wasserlinie, Horizont, Zenit/Nadir
3. Klasse
· Symmetrien freierer Art, auch Zentralsymmetrie, Verwandlungen einzelner Formelemente, Erleben von innen und außen
· Verbindung zu den Malreihen, Sternenformen, die Schönheit der Rechenkunst erlebbar machen
Schreiben: 1. Klasse
· bildhaftes Einführen der Buchstaben,
· Erleben der Vokale und Konsonanten durch kleine Gedichte
· Fertigkeiten im Schreiben der Buchstaben, zumeist der großen Druckbuchstaben, evt. auch in der Schreibschrift erlangen
· Schreiben von bekannten Versen, das Wiedererkennen legt das Lesen an
· Das Sprachempfinden soll durch viel Gehörtes in guter Sprache entwickelt werden. Auch deshalb werden im ersten Schuljahr die Grimmschen Märchen erzählt.
2. Klasse
· kleine Buchstaben und Schreibschrift, mit Buntstiften
· Das Kind soll in einfachen Worten (phonetisch) aufschreiben können, was es erlebt hat.
· noch kein direktes Lesenlernen, aber Schreibübungen mit bekannten Texten, um schnelleren Kindern das Lesen zu ermöglichen
· Übung am ausdrucksvollen Sprechen durch Spiele
· Das Sprachempfinden und das Verstehen von mündlich Vorgetragenem wird an Fabeln und Legenden weiter geübt.
3. Klasse
· Einführung des Schreibens mit der Feder, dann dem Füller
· erste kleine Nacherzählungen erlebter oder gehörter Dinge,
· Lesenüben mittels eines Lesebuches, ggf. auch in der 2. Klasse,
· Beginn einer bewussteren Sprachlehre. Der Klang der Sätze (Frage, Ausruf, Erzählsatz), erste Wortarten mit Namenswort, Eigenschaftswort, Tätigkeitswort. Die Begrifflichkeit bleibt noch wandelbar, weil im Verlauf der einzelnen Schuljahre weitere Facetten hinzutreten, z.B. der Zeitaspekt beim Verb.
Rechnen: 1. Klasse
· Zählen üben, unterschiedlichste Übungen im Mengenerfassen, vielfältiges Bewusstmachen von Zählbarem (Tast-, Hör-, Seherlebnisse)
· Einführung der vier Grundrechenarten, Benennung der Rechenzeichen, aber Umgang mit möglichst vielen lebendigen Begriffen.
· vielfältigste Rechengeschichten, um Leben in den Stunden zu behalten
· Erleben des Rhythmus in Lied, Wort und Schritt
2. Klasse
· Hauptthema ist das Erüben der Einmaleinsreihen, zunächst rhythmisches Erarbeiten,
· Erneutes Erlebbarmachen eines Zahlenraumes, Einspluseins, vermehrtes Üben über die Zehnerschritte,
· vielfältige Rechenspiele
· Beschäftigung mit der Zeit (Tage, Wochen, Monate, Jahr, Uhr lesen)
3. Klasse
· Maße und Gewichte
· schriftliche Rechenarten, dabei Einführung des Dezimalsystems
· Wiederholung und Festigung der Reihen
· Teilbarkeiten
Ist dann das Kind im dritten Schuljahr allmählich aus dem Alter der Nachahmung herausgewachsen, gibt es zu den bekannten Fächern eine Vielzahl von Sachkundeepochen, die die Kinder anschließen an das Leben in der realen Welt. Da wird das Feld bestellt, da werden die Handwerker besucht, da wird der Umgang mit Mörtel und Maurerkelle geübt. Dadurch erleben sie die Sinnhaftigkeit der Welt, lernen, den folgerichtigen Arbeitsgang des Handwerksmeisters nachvollziehen und erfahren die Wahrheit der Naturgesetze durch das eigene Tun.
Nach diesen Jahren beginnt die Zeit der Mittelstufe, in der die Kraft der Nachahmung nicht mehr so kräftig wirkt. Jetzt sind die Kinder reif geworden, mehr und mehr die Welt auch mit dem wachen Auge zu sehen und zu beschreiben.
Michael Kühnert, Klassenlehrer
Mit dem Übergang zum zehnten Lebensjahr sind aus den Zuckertütenkinder längst Schulkinder geworden, die jeden Winkel ‚ihrer’ Schule erkundet haben, Erfahrungen nicht nur mit ihrem Klassenlehrer, sondern auch mit vielen Fachlehrern gemacht haben und die Kinder der anderen Klassen vom Pausenhof, von Schulfesten oder anderen gemeinsamen Aktivitäten gut kennen. Im Hort sind sie inzwischen die Großen. Ihr Verhältnis zur Welt hat sich gründlich entzaubert, und es hat sich bei vielen sicher schon das Gefühl eingestellt, allein im Mittelpunkt dieser Welt zu stehen und diese vielleicht ganz anders wahrzunehmen als der Banknachbar. Diese neue Distanz zur Umgebung ermöglicht es auch, dass Lerninhalte nun genauer angeschaut und betrachtet werden können, während die Fähigkeit, unmittelbar aus den Kräften der Nachahmung zu lernen, am Verschwinden ist. Mit jedem Schuljahr neu hinzukommende Epochen versuchen, diese sich mehr und mehr erweiternde Betrachtung der Umwelt zu einem stimmigen Weltbild zu integrieren. Dabei wird das, was in den vorhergehenden Jahren angelegt wurde, weitergeführt. Im folgenden soll dazu ein kleiner Überblick gegeben werden. Für eine ausführliche Beschäftigung muss auf die umfassenden Darstellungen verwiesen, die in gedruckter Form auch in der Schulbibliothek eingesehen werden können.
Formenzeichnen/Geometrie:
In der 4. Klasse wird mit dem Zeichnen von Flechtbandmustern erstes konstruktives Darstellen geübt, das sich jetzt auch exakt überprüfen lässt. Das Formenzeichnen wird über die Freihandgeometrie (5. Klasse) in die exakte Geometrie mit Zirkel und Geodreieck (ab 6. Klasse) überführt. Geometrische Formen (Dreiecke, Vierecke, Fünfeck, Sechseck, Vieleck), Kongruenzsätze und geometrische Lehrsätze (Thales, Pythagoras) werden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet und zeichnerisch erübt. Im 8. Schuljahr geht die Geometrie aus der Flächenbetrachtung zu einem Erfassen des Raumes mit den platonischen Körpern über.
Sprache:
Der Sprachunterricht im Muttersprachbereich gliedert sich in drei Bereiche, den der Sprachpflege, den der Grammatik und den der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksfähigkeit.
· Sprachpflege wird weitergeführt durch das gemeinsame rhythmische, chorische oder auch dialogische Sprechen von Versen, Gedichten und auch Prosatexten, die aus zunächst aus dem Volksgut, mehr und mehr aber auch aus klassischer und zeitgenössischer Dichtung genommen werden.
· Das jeweilige Epochenthema wird durch Erzähl- oder Lesestoff in einen größeren Zusammenhang gestellt, ausgeweitet oder durch künstlerisch geformte Sprache ergänzt. Hier spannt sich der Bogen von Geschichten aus der nordischen und germanischen Mythologie über die großen griechischen Mythen bis zu Erzählungen aus fremden Ländern zu Biografien bedeutender Persönlichkeiten. Auch durch literarische Werke soll hier das künstlerische Sprachempfinden gefördert werden.
· Der Grammatikunterricht soll nicht nur zum Benennen, sondern zu einem tieferen Erfassen der sprachlichen Strukturen führen. Mit der Betrachtung von Konjugation, Tempora und Deklination ist nicht mehr nur das Wort, sondern bereits der Satz ins Blickfeld gerückt. Damit kann zu einer Betrachtung der Satzteile und schließlich auch der Nebensätze übergegangen werden. Wörtliche und indirekte Rede, Aktiv und Passiv, sowie Indikativ und Konjunktiv rücken dann die Position und Haltung des Sprechers mehr in den Mittelpunkt.
· Die Ausdrucksfähigkeit wird nicht ausschließlich im muttersprachlichen Unterricht geübt, sondern auch in allen anderen Epochen, z.B. bei Versuchsbeschreibungen in der Physik, in denen ein Sachverhalt wiederzugeben, eine Charakteristik oder Schilderung möglichst tatsachengetreu zu gestalten ist. Dabei liegt das Schwergewicht deutlich auf dem sachbezogenen Ausdruck, während das persönlich gefärbte auch urteilende freie Gestalten mehr der Oberstufe vorbehalten bleibt.
· Rechtschreibung und Ausdruck werden an eigenen oder speziell dafür ausgewählten Texten geübt.
· Der mündliche Ausdruck wird durch zusammenfassende Nacherzählung, aber auch durch kleine Vorträge oder Referate in den einzelnen Fächern entwickelt.
Rechnen:
Die Bruchrechnung steht in der 4. Klasse ganz bewusst im Zusammenhang mit dem innerlichen Umbruch, der sich beim Übergang von der 3. zur 4. Klasse in den Kindern vollzieht. Mit der Einführung von Dezimalbrüchen wird die Bruchrechnung in der 5. Klasse zunächst auf das Zehnersystem eingeengt. Doch kommen die Schüler beim Rechnen schnell auf sich unendlich wiederholenden Zahlenfolgen hinter dem Komma und damit auch in weitere Bereiche des Denkens. Die Zahl an sich wird betrachtet und - auch als Grundlage für das Erweitern und Kürzen von Brüchen - in Primfaktoren zerlegt. An ersten Textaufgaben wird das Umsetzen von Alltagsproblemen in mathematische Sprache geübt. Im 6. Schuljahr wendet sich das Rechnen noch mehr auf das Praktische, den geschäftlichen Bereich. Zum kaufmännischen Rechnen gehört das Umgehen mit direkt und indirekt proportionalen Verhältnissen. In der 7. Klasse wird der Blick in der Algebra wieder auf stärker rein mathematische Fragen gerichtet. Der Zahlenraum der negativen Zahlen wird eröffnet, und mit der Algebra werden Rechenoperationen ins Allgemeine erhoben. Die Gleichungslehre wird in der 8. Klasse fortgesetzt, Umformungen, Ausklammern, Klammer setzen werden geübt. Dabei ist es wichtig, die Grundlagen der Bruchrechnung noch einmal zu wiederholen. Bei der Flächen- und Raumberechnungen wird das Arbeiten mit Formeln geübt.
Naturwissenschaftlicher Unterricht:
Die Naturkunde fächert sich erst allmählich auf die einzelnen Bereiche auf, und bekommt dadurch in den einzelnen Jahrgangsstufen einen immer größeren Stellenwert.
· Die Naturkunde beginnt in der 4. Klasse mit Menschen- und Tierkunde, bei der die physische Organisation des Menschen in Kopf-, Rumpf- und Gliedmaßensystem angeschaut wird. Diese Systeme werden dann auch im Tierreich gesucht, wobei ausgewählte Tierarten exemplarisch in ihrem jeweiligen natürlichen Lebensraum betrachtet werden. Die Pflanzenwelt von den einfachsten Formen bis zu den Blütenpflanzen ist Thema der 5. und 6. Klasse. Dabei werden auch Fragen der Umgebung, des Zusammenhang mit Erde und Sonne und des Jahreslaufs berücksichtigt. Im praktischen Gartenbauunterricht ab der 6. Klasse wird dieses Wissen dann noch tiefer verankert. Gesteinskunde bildet das Leitmotiv der 6. Klasse, während in der 7. und 8. Klasse mit Ernährungslehre, Atmungsorganisation, Kreislauf und Herz, der Geschlechtspolarität schließlich dem Skelettsystem der Blick wieder auf den Menschen gerichtet wird.
· Der Physikunterricht beginnt in der 6. Klasse, wobei er nicht von Modellvorstellungen ausgeht, sondern versucht, den Schülern in den Klassen 6 bis 8 eine sich stets erweiternde reiche Erlebnisgrundlage in den Bereichen Akustik, Optik, Wärmelehre, Elektrizität und Magnetismus, Mechanik und Hydraulik zu geben, auf der in der Oberstufe aufgebaut werden kann.
· Chemie tritt als neues Fach in der 7. Klasse hinzu. Durch Untersuchungen an Naturstoffen, mit denen der Schüler alltäglich in Berührung kommt, soll ein Verständnis für chemische Prozesse erzeugt werden. Das Feuer in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen wie auch das Kalkbrennen und damit Säuren und Basen werden angeschaut. In der 8. Klasse stehen die Prozesse der organischen Chemie im Vordergrund, die mit der Herstellung und Umwandlung von Nahrung, also mit Eiweißen, Zucker, Fetten und Gärung, zu tun haben.

Sozialkundlicher Unterricht
Die Heimatkunde der 4. Klasse betrachtet die nähere Umgebung der Kinder aus geografischen, geschichtlichen und naturkundlichen Blickwinkeln.
Ab der 5. Klasse gliedert sich die Betrachtung in gesonderte Erdkunde- und Geschichtsepochen.
· Auf den Geografieunterricht ist an anderer Stelle (genauer bezeichnen ???) schon eingegangen worden.
· Der Gang durch die Geschichte folgt den Epochen der Menschheitsentwicklung, wobei die großen Einschnitte und Wendepunkte besonders betrachtet werden. Von der urgeschichtlichen Zeit geht die Reise von den frühen Hochkulturen Asiens zum Mittelmeerraum. Da werden die Kulturen Ägyptens, des klassischen Griechenlands (5. Klasse) und das Römische Reich (6. Klasse) betrachtet. Die Ausbreitung des Christentums, der Untergang des Römischen Reichs, die Aufspaltung der Kirche und damit auch der Entwicklung Europas in Ost und West, Kaiser und Papsttum, der erneute Kontakt mit Kleinasien in den Kreuzzügen und eine erste Auseinandersetzung mit dem Islam sind Gesichtspunkte der mittelalterlichen Geschichte, die in der 6. Klasse behandelt werden. Renaissance, Entdeckungen, Erfindungen und Reformation sind Themen, an denen sich in der 7. Klasse Ursache und Wirkung auch im geschichtlichen Zusammenhang erkennen lassen. In der 8. Klasse steht die neue und neueste Geschichte unter dem besonderen Gesichtspunkt der Sozialgeschichte im Mittelpunkt, während die politische Geschichte dieser Zeit in der 9. Klasse behandelt werden soll. Da sich diese Bereiche jedoch nie genau trennen lassen, ist hier ganz besonders sinnvoll, wenn Mittel- und Oberstufenlehrer eng zusammenarbeiten.
Damit ist ein Überblick über den Epochenunterricht gegeben. Die schon seit der 1. Klasse unterrichteten anderen Fächer Englisch, Russisch, Eurythmie, Handarbeit und Turnen finden ihre Fortsetzung in regelmäßigen Übstunden. Sie werden ab der 6. Klasse durch den Gartenbau- und Werkunterricht ergänzt.