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Unser pädagogisches Konzept

 

Grundsätze der Pädagogik nach Rudolf Steiner

Pädagogik im Einklang mit den natürlichen Entwicklungsschritten des Kindes

„Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze,
stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht.“
J. W. v. Goethe in „Die Metamorphose der Pflanzen“

Verläuft menschliche Entwicklung linear?
Nicht nur die Pflanze, sondern alles Lebendige entwickelt sich nicht stetig und kontinuierlich, sondern in Schüben, mit Phasen des äußeren Wachstums und solchen des stillen Reifens. Man muss kein Psychologe sein, um diese Phasen auch in der Entwicklung des Menschen deutlich zu erkennen. Über dieses rhythmische sich „Immer-wieder -Zusammenfügen“ hinaus kann man auch an äußeren Ereignissen im Leben des Heranwachsenden deutliche Akzente erkennen, die jeweils eine neue Entwicklung einläuten: Kindergarteneintritt, Einschulung, Konfirmation, Volljährigkeit, Eheschließung u.s.w. markieren solche Punkte. Wer seinen eigenen Lebensweg rückblickend betrachtet, wird feststellen können, dass sich oft auch später wichtige Entwicklungen in einem Rhythmus von ungefähr sieben Jahren vollziehen.
Wenn wir für die Entwicklung des Kindes vom Säugling bis zum Erwachsensein in etwa 21 Jahre annehmen, so lassen sich drei Hauptphasen von jeweils sieben Jahren Dauer unterscheiden, wobei für das Schulkind die Schulreife im siebten und die Pubertät um das vierzehnte Lebensjahr die wichtigsten Meilensteine darstellen.

R. Steiners Auffassung vom Wesen des Menschen
Die Waldorfpädagogik stützt sich in vielerlei Hinsicht auf R. Steiners Auffassung vom Wesen des Menschen, wie er es in seinen zahlreichen Vorträgen ausgeführt hat. Eine schöne zusammenfassende Darstellung findet man in seiner Schrift: „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“, Darin werden vier „Glieder“ bzw. Dimensionen des menschlichen Wesens beschrieben.
Zunächst ist da der „physische Leib“, also der Körper, er unterliegt den „...Gesetzen des physischen Lebens, er setzt sich aus denselben Stoffen und Kräften zusammen wie die ganze übrige sogenannte leblose Welt.“.
Dann nennt Steiner den Lebens- oder Ätherleib: „... allen Lebewesen ist etwas eigen, was man Lebenskraft nennen mag, also das, was alle Lebenserscheinungen hervorbringt .“
Drittens spricht Steiner vom Astral- oder Empfindungsleib, der uns Schmerz und Freude, Triebe und Leidenschaften usw. empfinden lässt.
Nur das eigentlich Geistige aber, das Ich, die Individualität erhebt den Menschen über Stein, Pflanze und Tier
Nach R. Steiners Auffassung werden diese Glieder nicht alle gleichzeitig entwickelt, d.h., sie stehen dem heranwachsenden Menschen nicht sofort frei zur Verfügung, sondern erst im Laufe seiner Entwicklung:
Die Lebens- oder Bildekräfte der ersten beiden Dimensionen sind in den ersten Lebensjahren noch ganz mit dem Heranwachsen des Kindes beschäftigt und werden erst zum Zahnwechsel frei für das Lernen. (Bild)
Das Empfindungsleben, die Emotionalität erwacht im Grunde erst richtig in der Pubertät. (Bild)
Das Ich – also die vollbewusste individuelle Handlungsmöglichkeit - erblüht schließlich ganz erst mit der Volljährigkeit, also um das 21. Jahr. Dann ist der Mensch reif, aus eigener Erkenntnis zu entscheiden.


Warum ein Dreijähriger trotzen muss
Im Schulzusammenhang interessiert uns natürlich vor allem das Alter zwischen 7 und etwa 18, 19 Jahren, aber schon in der Säuglings- und Kleinkinderzeit wird natürlich die entscheidende Basis für alle weiteren Entwicklungen gelegt. In den ersten Lebensmonaten z.B. verdoppelt das Kind sein Gewicht! Alle Lebenskräfte sind da auf die Ausgestaltung des Körpers gerichtet. Aber es beginnt auch eine andere Tätigkeit, nämlich das Wahrnehmen: die Mutter, die nähere Umgebung und sich selbst. In den ersten Jahren ist das Kind ganz mit dieser Wahrnehmung beschäftigt, und das nicht nur passiv, sondern aktiv, nachahmend. So lernt es, wenn auch zunächst noch ganz unbewusst. Im zweiten Jahr streckt sich der kleine Leib deutlich, nachdem es das Kind geschafft hat, sich aufzurichten und zu gehen. Es beginnt zu sprechen und mit der Sprache entwickelt sich in einem gewissen Maße das Denken. Das Kind, das sprechen lernt, nimmt etwas Geistiges auf. Wenn sich das Kind im sogenannten Trotzalter, im „Neinsagealter“, erstmalig von der Welt und den anderen Menschen distanziert, indem es sich selbst „ich“ nennt, wird es sich zum ersten Mal seiner eigenen unverwechselbaren Persönlichkeit bewusst. Damit tut sich nun auch seelisch einiges: das Kind „übt“ seinen eigenen Willen. Auch wenn er sich zunächst nur auf die Befriedigung von Begierden richtet, kann er sich doch schon sehr vehement offenbaren. Das gehört zwar alles ins Kindergartenalter und der Weg von da zur Schulreife ist noch lang. Aber dieser Blick in die ersten Jahre macht vielleicht deutlich, dass sich die groben Siebenjahresabschnitte durchaus weiter untergliedern, und dass in ihnen weitere Schübe und Entwicklungskrisen stattfinden, wie eben der erste Schub der Ich-Entwicklung im „Trotzalter“. So kann etwa folgender Rhythmus gesehen werden, den Berhard Lievegoed, ein holländischer Arzt, in seinem Buch „Entwicklungsphasen des Kindes“ dargestellt hat, der natürlich nicht schematisch zu nehmen ist:


„Kritische“ Phasen der Kindheitsentwicklung
um 2 ½ Jahre: „Trotzalter“, Ich-Bewusstsein erwacht
um 5 Jahre: Streckung, schöpferische Fantasie im Spiel, Märchenzeit
etwas 7 Jahre: Schulreife, Zahnwechsel, Lebenskräfte werden frei zum Lernen

ca. 9 ½ Jahre: „Rubikon“, vehementes Ich-Erleben, Angst, Distanzierung und Einsamkeit
um 12 Jahre: Vorpubertät, körperliche Streckung beginnt
bei 14 Jahren: Pubertät, Gefühlswelt erwacht voll, Tagebuchalter, Streckung

bis 16 ½ Jahre: Nachpubertät, Ich- und Sinnsuche, körperliche „Füllung“
um 19 Jahre: Ich-Verwirklichung beginnt
bei 21 Jahren: Volljährigkeit, Körper, Seele und Geist (Ich) ausgereift

Der Lehrplan der Waldorfschule geht bis in Einzelheiten auf die im entsprechenden Alter gelebten Entwicklungskrisen und -chancen ein.

Jens Olaf Bodemann, Klassenlehrer

aktualisiert am 28.04.2008 von kue | © Freie Waldorfschule Jena 2010 | powered by Logo Grobi CMS (klein) Grobi CMS